#1

Lissy und die Möhrenbande

in Fotos- und Geschichten 06.05.2009 12:22
von Blacky2005 • Besucher | 843 Beiträge

Lissy und die Möhrenbande

Die Geschichte einer Stallkaninchen-Großfamilie


Eine fiktive Geschichte, erzählt von Lissy mit (leider) auch wahren Hintergründen und Begebenheiten. Sämtliche Namen sind natürlich frei erfunden und nur Ähnlichkeiten mit lebenden Mitkaninchen sind gewollt.


Hallo, mein Name ist Lissy. Ich bin ein reinrassiges Stallkaninchen und möchte Euch hier von mir und meiner großen Familie erzählen. Als Stallkaninchen hat man es ja nicht immer leicht aber auch bei uns gibt es lustige Tage und spannende Abenteuer. Den Anfang der Geschichte kann ich Euch gar nicht selbst erzählen, da war ich noch viel zu klein und hab mir das alles gar nicht merken können. Deshalb erzählt Euch das jetzt meine Mutter, das ist die Nera.


1. Teil

Klein-Lissy


Der Herbstwind faucht mit kräftigen Böen um die Häuser. Es ist Mitte Oktober und er treibt die ersten bunten Blätter vor sich her. Hui das macht Spaß und der Wind verstärkt seine Aktivitäten – er muss üben, denn im November müssen alle Blätter von den Bäumen geblasen und zusammengetrieben werden. Das ist seine Aufgabe im Herbst und daneben ist er natürlich noch dafür zuständig, dass diese eklige kalte Luft und die nassen Regenwolken schön gleichmäßig über dem Land verteilt werden.
Hinter einem der Häuser entdeckt er den Kaninchenstall wieder, den er schon in den letzten Jahren so gerne aufgesucht hat. Alt und klapprig lehnt sich dieser Bretterstall an eine ebenso klapprige, alte Hütte. Und wenn der Wind jetzt durch die morschen Bretter in die Kaninchenställe fauchte, den Plüschmonstern das Fell durchblies, so hatte er seine Freude daran, den jedes Mal wenn es ihm gelang, an einem losen Brett zu rütteln und es zum klappern zu bringen, dann hüpften die Kaninchen vor Schreck in die hinterste Ecke ihres Stalles. Richtige Angsthasen waren das halt.

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Wir Kaninchen hatten über Generationen immer wieder den Draht an unseren Stalltüren aufgebissen und unser Besitzer hat sich die Mühe nicht gemacht, das auszubessern. Er hat einfach ein altes morsches Brett vorgenagelt und das war es für ihn gewesen. Dass wir dadurch noch weniger frische Luft in unseren ohnehin viel zu kleinen und stickigen Ställen bekamen, das interessierte ihn wenig.
Mein Name ist Nera und ich bin eine rabenschwarze knapp zwei Jahre alte Stallkaninchendame.
Vor ungefähr vier Wochen hat mich mein Besitzer zu einem unserer Rammler, dem Jack, in den Stall gesetzt. Ich habe mich zwar in den hintersten Winkel verzogen und mich an die Stallwand gedrückt aber geholfen hat es nicht. Jack ist ein schöner großer Schecke. Eigentlich mag ich ihn ja, aber ich bin nicht gern mit ihm zusammen in seinem Stall. Na ja, als ich wieder in meinen Stall zurückgesetzt wurde, war ich zum dritten Mal in meinem Leben schwanger.

Mein Stall ist direkt neben dem von Mona. Mona ist wie ich ein schwarzes Stallkaninchen aber sie ist etwas jünger. Auch sie wurde zu einem unserer Rammler in den Stall gesteckt, aber sie hatte Glück und wurde nicht schwanger. So bin ich die einzige Häsin in diesem Herbst, die zu dieser unwirtlichen Jahreszeit noch mal Junge bekommen soll. Ich habe ja schon die Erfahrung von zwei Würfen und ich weiß, dass diese unwirtliche kühle Herbstnacht zur Geburtsstunde meiner Kleinen werden wird. Ich habe mich noch mit Mona darüber unterhalten, wie man mit dieser kümmerlichen Einstreu die wir hatten, ein ordentliches Nest bauen sollte. Zu Mona kann ich durch die Ritzen meines Stalles hinüberschauen. Ich habe dann auf der am wenigsten zugigen Ecke meiner Behausung begonnen ein Nest zu bauen, habe die kümmerlichen Reste von Stroh und Heu die ich hatte zusammengetragen. Ich habe mir Bauchfell ausgezupft und das Stroh und Heu damit noch ausgepolstert. Alles was in meiner Macht stand um es den Kleinen so weich und so kuschelig wie möglich zu machen, wollte ich tun.
Dann habe ich mich erschöpft noch etwas hingelegt. Mona klopfte im Stall nebenan, weil sie sehr schreckhaft war und der Wind jetzt noch mehr um unseren Stall heulte. Ich erschrecke mich, weil die Stalltüre nochmals aufgeht. Mein Besitzer wirft noch ein wenig Stroh und etwas Heu in meinen Stall herein. Dann folgt sogar ein Napf mit Wasser und noch ein Stück Mohrrübe. Ich kann es nicht fassen. Soviel Mitleid hat er eigentlich selten mit uns.
Ich trinke hastig denn der Nestbau hat mich durstig gemacht und dann knabbere ich meine Möhre.
Ich lege mich wieder hin. Ich spüre das Drücken und Ziehen in meinem Bauch es wird nicht mehr allzu lange dauern.

Ich baue mit dem neuen Stroh und Heu noch an meinem Wurfnest, verbessere es so gut es geht und zupfe noch etwas Fell nach. Jetzt ist das Nest fertig. Mona hat sich an die Bretterwand zu meinem Stall gelegt. Mein Gott Nera höre ich sie sagen, jetzt bekommst Du wieder Kinder und in wenigen Wochen wirst Du nichts mehr von ihnen hören und sehen. Ich finde es nur traurig. Oft halte ich das nicht mehr aus.
Auch ich liege jetzt in meinem Stall und grüble nach. Mona hat ja Recht, es ist jedes Mal traurig, wenn einem die Kleinen auf Nimmerwiedersehen weggenommen werden. Ich fürchte mich schon heute vor dem Tag wo diese Menschenhand in meinen Stall greift und ein Kind nach dem anderen herausfängt und das zappelnde, fiepende Junge in einen anderen Stall setzt.
Unsere Ställe stehen nicht alle beisammen und oft höre ich dann nie wieder etwas von ihnen. Manche werden in einen Stall in der Nähe gebracht und dann höre ich wie sie nach mir rufen und die Welt nicht mehr verstehen. Man kann sich auf seine Kinder nicht freuen, wenn es jedes Mal so endet.

Der böige Herbstwind frischt jetzt noch mal auf. Ich höre Jack, wie er in seinem Stall klopft. Ich schaue durch den Draht meines Stalles und sehe, wie der dicke graue Kater durch den Garten trippelt. Der hat es gut denke ich, den sperrt keiner in einen kleinen, engen und schmutzigen Stall.
Ich sehe wie Sabeth, so heißt der Kater auf die Mauer zum Nachbargrundstück springt und dann windzerzaust im Gebüsch verschwindet.
Gedankenverloren geht mein Blick jetzt zum Nachthimmel….
Ja Freiheit, hoppeln wohin man möchte, fressen was und soviel man will, keinen Durst haben weil man immer Wasser findet, das wäre ein Kaninchenleben.
Der Wind treibt jetzt Wolkenfetzen vor sich her, am nachtschwarzen Himmel blinken vereinzelt Sterne und der fahle Neumond blinzelt ab und zu durch eine Wolkenlücke.

Ich döse ein und träume von frischen grünen Wiesen und vielen Kaninchen die miteinander spielen und sich mögen – Menschen kommen in diesem Traum überhaupt nicht vor.

Gegen vier Uhr am Morgen wache ich auf. Ich spüre Schmerzen, die Wehen sind da, ich mache mich zu meinem Nest auf. Ich krümme mich über dem Haufen aus Stroh, Heu und Fell und als die Geburt vorüber ist, liegen 9 kleine Kaninchenbabies in diesem Haufen aus Stroh und Heu.

Ich schaue mir meine Kleinen nochmals kurz an. Zwei von ihnen sind recht klein gegenüber ihren Geschwistern. Ob sie wohl die ersten Tage überleben werden?
Jetzt liegen sie alle erschöpft in ihrem warmen Nest und ich decke sie mit meinem ausgezupften Fell gut zu, so dass die feuchte Kälte dieser Herbstnacht ihnen nichts anhaben kann.

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#2

RE: Lissy und die Möhrenbande

in Fotos- und Geschichten 07.05.2009 18:28
von Blacky2005 • Besucher | 843 Beiträge

2. Teil

Lissy’s Jugend

Die Nacht weicht dem heraufziehenden Tag. Nebelschwaden und feuchtkalte Luft wabbern um unseren wackligen, klapprigen Kaninchenstall. Aber wenigstens hat der Wind sich gelegt. Lissy erwacht und friert ein wenig. Sie liegt ganz außen im Nest. Neben ihr, weiter zur Nestmitte liegt ein kleiner Rammler, der ist aber kräftiger als Lissy.

Das Nest mit uns kleinen Kaninchen bewegt sich ganz sanft. Unsere Mutter Nera schaut in das Nest. Vorsichtig schiebt sie das Fell das sie zur Abdeckung genommen hat beiseite und jetzt geht sie ganz vorsichtig über unser Nest. Instinktiv fasse ich nach einer der Zitzen und sauge Milch. Aber bald verdrängt mich der kleine Rammler der vorher noch neben mir gelegen hat. Ich bin zwar noch immer hungrig als meine Mutter das Fell wieder über uns zudeckt, aber immerhin, hat es für ein paar Schlucke Milch gereicht und ich bin nicht mehr ganz so hungrig.

Durch die Unruhe während des Säugens sind wir im Nest etwas durcheinander geraten. Ich liege jetzt direkt neben einem sehr schwachen kleinen Rammler. Ich fiepse in an und er antwortete mir nur sehr schwach. Hallo sagte ich warum bist du denn so unruhig. Ach Lissy sagt er zu mir, ich habe heute früh ganz außen gelegen im Nest und habe ganz toll gefroren. Und eben als Mama da war, habe ich keine Milch abbekommen. Ich fühle mich ganz schwach.
Versuch doch ein wenig zu schlafen sagte ich zu ihm, Mama kommt bestimmt bald wieder, dann bekommst du auch etwas Milch. Du hast Recht Lissy, seufzte Benny und drängte sich noch etwas zu seiner kleinen Schwester heran.
Lissy spürte, dass er bald darauf vor Kummer eingeschlafen war. Aber er schlief sehr unruhig und erwachte immer wieder. Lissy spürte, wie er sich von ihr wegbewegte, sehen konnten sie ja noch nicht. Bleib hier im Nest warnte ihn Lissy, da draußen ist es sehr kalt. Aber Benny hatte nur noch Hunger. Er drückte sich ab und rutschte und kroch auf den Nestrand zu. Dort oben auf der Höhe des Nestrandes blieb er dann erschöpft liegen. Die Kriech- und Krabbelbewegungen hatten ihn sehr viel Kraft gekostet.
Auf dem Nestrand gab es leider keinen schützenden Fellflaum und es war dort sehr kalt. Der heutige Herbsttag war leider nicht erwärmend für kleine Kaninchenbabies.
Benny lag auf seinem erhöhten Nestrand und hoffte, so schneller und als erster an die ersehnte Nahrung zu kommen. Er merkte wie er immer mehr fror und er kaum noch seine Beinchen bewegen konnte.

Als Nera wieder zum Nest kam um die Babies zu säugen, bemerkte sie nicht, dass der kleine Benny über den Nestrand in eine Kuhle neben dem Nest gerutscht war. Er bekam ein zweites Mal keine Milch und erfror in der folgenden, nochmals kalten Nacht. Ich habe nie wieder etwas von meinem kleinen Bruder erfahren.

Unser Halter nahm den kleinen, kalten Körper am nächsten Morgen aus dem Stall.

Damit waren acht kleine Kaninchengeschwister übrig geblieben. Ich, die Lissy war die kleinste und schwächste von uns allen, nur Benny war noch kleiner und schwächer gewesen. Wenn meine Mutter zum säugen kam, dann versuchte ich immer schneller zu sein als die anderen. Ich bekam immer etwas Milch ab, aber da die anderen stärker waren als ich, verdrängten sie mich nach kurzer Zeit. Aber was ich abbekam, das reichte aus, um mich
wachsen zu lassen, ich blieb zwar immer das Nesthäkchen des Wurfes, ich war kleiner und zierlicher als meine Geschwister.

Elf Tage nach unserer Geburt erwachte ich morgens in unserem Nest. Erst wusste ich nicht was geschehen war,
aber irgendetwas war heute nicht so wie sonst. Und dann bemerkte ich es. Ich konnte sehen. Ich konnte meine Geschwister erkennen, die um mich lagen. Nikki war ein Scheckchen wie ich. Mohrle und Granny das waren zwei Schwesterchen mit schwarzem Fell wie unsere Mutter Nera.
Krümel, Dopey und Samson waren drei scheckige Brüder und Bonzo war nochmals ein schwarzes Brüderchen.
Herrlich, die anderen nicht nur zu fühlen, sondern sie jetzt auch zu sehen.

Wenige Tage später kletterte ich zum ersten Mal aus unserem Wurfnest heraus und erkundete unsere „Wohnung“.

Die kalten feuchten Herbsttage waren einem milderen Oktoberwetter gewichen und auch der Wind, der uns am Tag unserer Geburt so vehement begrüßt hatte, hatte sich eine letzte Pause gegönnt. Ich hoppelte an die helle Seite des Stalles und blickte zum Draht hinaus. Lebten wir auf einem Baum ? Nein, sagte meine Mutter wir sind im zweiten Stock des Kaninchenstalles untergebracht und für ein kleines Kaninchen ist das ganz schön hoch.

Der Ausflug hatte mich müde gemacht und so kroch ich in unser warmes kuscheliges Nest zurück. Die Tage vergingen wie im Fluge und wir kleinen Kaninchen verbrachten unsere Zeit mit Milch trinken, kuscheln, kleinen Spielen mit den Geschwistern und viel Schlaf. Die Ausflüge in unseren Stall wurden immer häufiger und ab und an knabberten wir schon am Futter unserer Mutter.

Mitte Dezember lag Mutter am Rand unseres Stalles und schaute hinaus auf den Platz vor den vielen Kaninchenställen. Ich kroch zu ihr hin und legte mich über ihre Pfote. So konnte ich mit ihr alles genau beobachten und mit ihr kuscheln. Gegenüber waren an der Mauer des Hühnerstalles weitere Kaninchenställe angelehnt. Daneben war das Hühnerhaus für die Küken. Neben dem Hühnerstall stand ein großer Baum, dessen jetzt natürlich kahle Zweige weit über das Dach des Hühnerstalles ragten.
Heute war das Wetter nochmals trübe aber es war nicht sehr kalt und es regnete auch nicht.

Mein Blick ging auf die lärmende Vogelschar die sich um die Körner stritten, die bei der Hühnerfütterung auf den Boden gefallen waren. Das sind Sperlinge, die sich hier um die Körner streiten sagt Nera, meine Mutter. Siehst du die braunschwarze Rückenzeichnung und die hellgrauen Bäuche der Körnerpicker ?

Emsig trippelt und hüpft die muntere Schar auf Futtersuche hin und her. Lärmend streiten sie sich um die Körner, keiner gönnt das Futter dem anderen. Tschilp, tschilp rufen sie sich zu und picken und sammeln emsig ihre Körner auf, setzen sich in den Maschenzaun, umflattern einen Fliederbusch und setzen sich in die Zweige um sich etwas auszuruhen. Ach Mutter sage ich, wäre es nicht schön, wenn wir Kaninchen wie diese Sperlinge herumhüpfen könnten und nicht in einem engen, schmutzigen Stall leben müssten ?
Ach weißt Du Lissy, sagt meine Mutter es wäre sicher schön wenn wir nicht so leben müssten, wie wir hier leben, aber schau mal in den Tanne im Nachbargarten. Du wirst es gleich erleben, dass das Leben vor unserem Kaninchenstall nicht ungefährlich ist.

Ich schaute in den grünen Nadelbaum und sah dort einen schönen großen Vogel sitzen. Er war größer als die Sperlinge, hatte einen langen Schwanz mit dunklen Binden und kurze, abgerundete Flügel. Auf dem Rücken
und die Oberseite der Flügel war er graubraun bis grau gefärbt. Seine Unterseite hat eine schwarzweiße, wellenförmige Bänderung, die quer verlief. Ich kann erkennen, wie er seinen rechten Fang einzieht, dann wieder ausstreckt und ihn langsam wieder zurückzieht und sich dann wieder mit beiden Beinen am Ast festhält.
Plötzlich reckt er den Hals, legt sein Gefieder dicht an den Körper und seine scharfen Augen spähen auf einen Sperling, der sich jetzt gemütlich auf einen niedrigen Betonpfeiler vor dem Hühnerstall gesetzt hat.
Das ist ein Sperber flüstert mir meine Mutter zu.
Ich sehe wie der Sperber abwechselnd von einem Bein auf das andere tritt und er den Sperling fest ins Auge gefasst hat. Aber immer wieder schließen sich seine Krallen um den Ast, noch hält der Sperber aus.

Der Sperling auf dem Pfeiler hat sich jetzt etwas aufgeplustert, er hält entspannt den Kopf schräg. Lärmend umtost ihn seine Schar. Da fällt ein graublauer Lappen aus dem Wipfel der Tanne, der Sperber.
Sein Körper strafft sich und wird zu einem blaugrauen, rasenden Pfeil. Blitzschnell saust er heran.
Gibt es eine Rettung für den Sperling ? Entsetzt fahren die Sperlinge auseinander. Ihr lauter Warnruf ist weit zu hören, auch der Sperling auf dem Pfeiler reagiert sofort, er lässt sich hinter den Pfeiler fallen. Der Sperber ist schnell. In ungestümem, reißendem Flug umkreist er den Pfeiler, erreicht ebenfalls die Rückseite. Seine Fänge sind weit vorgereckt, gleich ist er über dem Sperling, aber der schafft es auszuweichen. Die vorgestreckten krummen Krallen gehen ins Leere und der Sperling rettet sich hinter den Maschendraht. Der Sperber sitzt verdutzt auf dem Boden und schwingt sich dann wieder auf. Die anderen Sperlinge haben längst alle das Weite gesucht.

Siehst Du Lissy, sagte meine Mutter. Das Leben in Freiheit ist immer auch sehr gefährlich.

Ich hatte genug gesehen und hoppelte wieder zu meinen Geschwistern.


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#3

RE: Lissy und die Möhrenbande

in Fotos- und Geschichten 07.05.2009 20:04
von Wiebke • Besucher | 358 Beiträge

Sehr ergreifende Geschichte!
Bin sehr berührt von den fesselnden Zeilen und schon sehr gespannt auf die Fortsetzung!
Grüssli,
Wiebke

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#4

RE: Lissy und die Möhrenbande

in Fotos- und Geschichten 07.05.2009 21:51
von kaninchengabi • 4.576 Beiträge

Volker, ich kann es immer wieder nur sagen, eine sehr zu Herzen gehende Geschichte und ich bin gespannt auf alle neuen Folgen auch wenn einige sehr traurig sind.

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#5

RE: Lissy und die Möhrenbande

in Fotos- und Geschichten 12.05.2009 19:29
von Blacky2005 • Besucher | 843 Beiträge

3. Teil


Ein harter Winter

Inzwischen war es nur noch eine Woche bis Weihnachten und ich und meine Geschwisterchen sind nun fast neun Wochen alt. Leider lässt unser Futter sehr zu wünschen übrig. Unser Besitzer hat nur wenig Heuvorrat und teilt daher das Heu in kleine Portionen ein. Möhren oder ähnliches bekommen wir so gut wie nie. Ab und zu gibt es hartes Brot, das mag ich sehr.
Die Hühner nebenan bekommen Grünkohl. Die abgepickten, übrig gelassenen Stängel wirft er uns dann in den Stall. Viel Nahrhaftes ist daran nicht mehr. Das Wasser, welches er am Anfang für unsere Mutter Nera in den Stall gestellt hat füllt er inzwischen auch nicht mehr auf.
Am Abend bekommen wir immer gekochte Kartoffeln mit Kleie und Apfelstückchen. Das ist neben dem Heu unsere Haupternährung.

Heute bei der Abendfütterung haben nicht mehr alle Kaninchen unserer Stallanlage das Abendessen bekommen.
Gegenüber von unserem Stall sitzen 6 ältere Kaninchen in ihren kleinen Boxen und blicken traurig durch den Draht und klagen.
Ich hopple zu meiner Mami und frage sie, warum unser Besitzer ihnen nichts zu essen gegeben hat.

Nera schaut mich traurig an, ach Lissy sagt sie, meist ist es so, dass wenn einige von uns mal am Abend nicht gefüttert werden, dann folgt am nächsten Tag etwas ganz schreckliches.
Ich weiß nur soviel, dass die die nichts zu essen bekommen haben am nächsten Morgen dann aus dem Stall geholt werden und dann nie mehr zurückkommen. Dein Vater Jack, hat mir mal erzählt, dass diese Kaninchen geschlachtet werden und dann von den Menschen einfach aufgegessen werden.
Also als ich das hörte, da bin ich aber sehr erschrocken und habe schnell noch einen Blick auf die armen Kaninchen im Stall gegenüber geworfen und dann habe ich mich in die hinterste Ecke unseres Stalles gedrückt.

Die ganze Nacht konnte ich vor Aufregung nicht schlafen. Immer wieder musste ich an die armen Kaninchen im Stall gegenüber denken. Der kalte Dezembermorgen kam schneller als es mir lieb war. Schon am frühen Morgen hörte ich die Schritte unseres Besitzers. Erst versorgte er wie üblich die Hühner im Hühnerstall, dann hörte ich wie er irgendwo um eine Ecke herumwerkelte.
Bald kam er wieder näher. Er griff in den ersten Kaninchenstall und schnappte sich den Rudi, er setzte ihn in einen Korb, hob den Korb hoch und verschwand. So kam er noch fünfmal und jedes Mal fehlte ein weiteres Kaninchen. Ich habe diese Kaninchen nie wieder gesehen. Jack erzählte noch, dass man tot ist, wenn man geschlachtet wurde und dass manche Menschen an Weihnachten gerne Kaninchen essen.

Ich weiß nicht was Weihnachten ist aber wenn man dazu geschlachtete Kaninchen braucht, dann möchte ich es auch gar nicht wissen. Ich weiß nur dass ich Menschen nicht mag und dass ich ab heute nur noch eines will: Weg hier, nichts wie weg hier !

Ich blickte auf den Kaninchenstall dessen Türen nun offen standen und in dem nun keine Kaninchen mehr wohnten.

Ich hatte mich gerade wieder ein wenig beruhigt, als dieser böse Mensch schon wieder kam. Ich beobachte ihn aus sicherer Entfernung. Er mistete die leeren Ställe aus und gab etwas frisches Stroh in die Buchten.

Dann öffnete er auf unserer Seite die Stalltüre. Er griff zwei Kaninchen unter uns aus dem Stall und verteilte sie auf die leeren Ställe. Dann wurden auch diese zwei Ställe gemistet und mit Stroh aufgeschüttet.

Ich hoffte, dass sich jetzt die Türe wieder schließt, aber jetzt hatte er sich direkt vor unseren Stall gestellt. Er schaute herein und schwups hatte er Nikki erwischt. Ich erstarrte vor Angst – wurden wir jetzt auch geschlachtet?

Er setzte Nikki in den Stall unter uns. Wir waren jetzt furchtbar aufgeregt und sprangen wie wild durcheinander, aber er bekam uns alle zu fassen.

Mohrle, Granny und ich kamen in den Stall zu Nikki. So dass wir jetzt zu viert in einer etwas größeren Bucht saßen. Unsere Mutter Nera blieb in unserem alten Stall. Krümel, Dopey, Bonzo und Samson wurden einzeln in die leeren Buchten des Stalles gegenüber gesetzt.

Wir waren alle furchtbar traurig, dass wir unsere Geschwister nicht mehr alle bei uns hatten und auch unsere Mutter Nera vermissten wir sehr. Aber noch konnten wir uns ja wenigstens etwas zurufen. Unsere Brüder hatten es ja noch schwerer getroffen. Sie saßen alleine und ohne Kuschelpartner in ihren kleinen engen Ställen. Noch waren sie ja jung und klein. Bald aber würde ihnen dieser Stall nicht mehr ausreichen.

Wir bekamen unser Fressen aber irgendwie hatte ich heute keinen richtigen Appetit.

Wieder vergingen Wochen. Es wurde sehr, sehr kalt. Wir hatten nur wenig Stroh im Stall und viele von uns froren sehr. Wir vier konnten wenigstens etwas kuscheln und uns gegenseitig wärmen.

In einer dieser eisigkalten Nächte kam sogar ein Marder an unseren Kaninchenstall und schaute herein. Wir versteckten uns in der hintersten Ecke und er verzog sich dann Richtung Hühnerstall.

Am nächsten Tag wurde es dann etwas wärmer und am Nachmittag begann es zu schneien. Überall lag dieses weiße Zeug. Am Abend kam unser Besitzer nicht zum füttern. Wir fürchteten uns alle, weil dies ja eigentlich ein ganz schlechtes Zeichen war. Aber am nächsten Morgen kam er mit Futter und hinkte fürchterlich. Am Kopf hatte er eine große Beule. Er war in diesem weißen Zeug ausgerutscht und fürchterlich hingefallen.

Wir wussten es noch nicht, aber gestern war der Tag gewesen, der unser ganzes Leben verändern würde. Es brauchte zwar noch einige Zeit, aber das Schicksal hatte eine Weiche gestellt.


Eure Lissy

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#6

RE: Lissy und die Möhrenbande

in Fotos- und Geschichten 12.05.2009 21:54
von Silke • 4.473 Beiträge
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#7

RE: Lissy und die Möhrenbande

in Fotos- und Geschichten 13.05.2009 17:04
von Blacky2005 • Besucher | 843 Beiträge

4. Teil

Der Frühling kommt


Der Schnee war der letzte Bote des Winters gewesen. Langsam wurde es wärmer und auch die Tage wurden wieder länger. An manchen Tagen wehte schon ein lauer Frühlingswind und auf der grünen Wiese hinterm Zaun blühten die Krokusse und die Schneeglöckchen.

Wenn dieser laue Wind zu spüren war, dann legte ich mich gerne vorne an den Draht der Stalltüre und ließ mir den Wind ins Fell pusten. Wenn man davon absah, dass unsere Heurationen sehr klein wurden und wir eigentlich immer Hunger und Durst hatten, dann waren das sehr schöne Stunden die ich genießen konnte. Wir vier Mädels tobten jetzt häufig heftig in unserer Bucht. Wir jagten uns im Spiel und ab und an berammelten wir uns auch.
Wie schon mein ganzes Leben war ich die kleinste von uns vieren geblieben und wenn es ums eh schon karge Futter ging, dann musste ich schon aufpassen, dass auch etwas abbekam.

Heute genoss ich das Jagen und Springen mit meinen Schwestern sehr. Ich war gerade heftig hinter Granny her, als ich plötzlich einen starken Schmerz in meinem rechten Auge spürte. Ich hielt mir sofort die Pfote an das Auge und drückte mich in das karge Stroh. Solche Schmerzen hatte ich noch nie. Wie wenn ein Feuer in meinem Auge brennen würde. Ich weiß es bis heute nicht, ob mich ein Strohhalm oder ein überstehendes Stück Draht in das Auge gestochen hat. Ich verbrachte den ganzen Tag vollends liegend im Stroh und mein Auge tränte und tränte.
Das Auge entzündete sich und eiterte.

Unser Halter merkte davon nichts. Meine Mama hat später zu mir gesagt, ich könnte froh darüber sein, denn sonst hätte er mich sofort geschlachtet.

Na ja das Auge heilte nicht und eiterte an manchen Tagen mehr, dann wurde es wieder besser, aber mein Körper war zu schwach um alleine damit fertig zu werden. Da ich ständig Schmerzen am Auge hatte, begann ich das Auge zuzukneifen, um die Schmerzen erträglich zu machen.
Durch die Schmerzen habe ich natürlich ein Stück Lebensfreude verloren und habe mich bei den Spielen mit meinen Schwestern zurückgezogen. Auch beim täglichen Kampf um das Futter habe ich mich zurückgenommen, was zur Folge hatte, dass ich nicht so rasch weiter gewachsen bin wie meine Schwestern.

Unser Besitzer wurde zusehends von Tag zu Tag matter. Man sah ihm an, dass er Schmerzen hatte und uns nur noch mühsam versorgte. Es war jetzt Ende März geworden, das Osterfest stand vor der Türe.
Heute Mittag kam unser Halter mit einem anderen Mann zusammen. Wir ahnten nichts schlimmes, denn gestern hatten wir alle etwas zu fressen bekommen. Aber zu unserem großen Entsetzen holten sie alle Kaninchen in dem Stall gegenüber heraus. Auch meine vier Brüder wurden in einen Korb gesetzt und weggeholt.
Nie wieder habe ich sie gesehen, nur einen letzten Gruß konnten wir uns noch zurufen. Was aus ihnen geworden ist - ich weiß es nicht, aber ich ahne es. Weihnachten, Ostern – Menschen sind einfach furchtbar.

An diesem Nachmittag habe ich einen Entschluss gefasst: Sobald sich hier die Gelegenheit bietet, flüchte ich. Ich gehe weg von hier. Ein besseres Leben als hier auf den Tod zu warten gab es überall !

Nach diesem Tag waren wir noch neun Kaninchen: Jack und Blacky die beiden Rammler, Nera, Mona und Scheckie die drei Zuchthäsinnen und wir vier Geschwister, Nikki, Mohrle, Granny und ich.

Unsere „Kaninchenställe“ befanden sich im hintersten Bereich des Grundstücks neben dem Hühnerstall unter ein paar alten Obstbäumen, angelehnt an eine klapprige Hütte. Nach vorne wurde dieser Bereich durch eine Gartentüre begrenzt. Der Hofraum davor grenzte an eine Straße und hinter den Obstbäumen begann ein recht weitläufiger Obst- und Gemüsegarten.

Unser Besitzer hatte uns heute morgen wieder gefüttert und hatte dann vergessen, die Gartentüre zu schließen.
Nach dem Fressen hatten wir Kaninchen uns zum Dösen hingelegt, als wir plötzlich durch Geräusche geweckt wurden, die wir noch nie gehört hatten. Vor unseren Ställen stand ein großer schwarzbrauner Hund, der durch die offen stehende Gartentüre den Weg hierher gefunden hatte.
Knurrend und kläffend versuchte er das Drahtgitter einzudrücken. Seine Pfoten kratzten und scharrten an der Stalltüre. Hechelnd schaute er in unseren Stall herein. Immer ärgerlicher knurrte und bellte er und wir verdrückten uns ängstlich in die hinterste Ecke.

Die Holzpflöckchen die unsere Türen sperrten begannen durch seine wütenden Attacken herauszufallen und es war nur noch eine Frage der Zeit, bis die Türen aufgingen. Plötzlich hörten wir Stimmen. Die Nachbarin hatte das Gebelle gehört. Sie kam an den Zaun gelaufen und schimpfte mit dem Hund. Der warf sich noch ein letztes Mal gegen unsere Stalltüre und hörte dann endlich auf die Frau und trollte sich.
Unsere Hasenherzen klopften noch immer heftig und ängstlich und nur langsam trauten wir uns wieder aus unseren Ecken heraus. Vorsichtig schauten wir nach draussen. Der Hund war tatsächlich weg. Langsam beruhigten wir uns wieder. Wir legten uns wieder hin und wollten unseren Mittagsschlaf nachholen. Mohrle unsere Aktivistin hielt es jedoch nicht lange aus. Sie erblickte oben an unsere Stalltüre Heuhälmchen die sich durch die Hundeattacken über uns gelöst hatten und nun nur noch lose am Draht hingen. Mohrle richtete sich auf und knabberte an dem Heu. Dazu musste sie sich aufrichten. Sie stützte sich mit der Vorderpfote an der Stalltüre ab.
An unserer Stalltüre hatten sich wohl sämtliche Sperr-Hölzer gelöst. Mohrle konnte mit ihrer Pfote unsere Türe aufdrücken – unsere Stalltüre stand offen.

Verdutzt ging Mohrle ein Stück zurück. Dann kam sie zu uns. Schaut mal, unsere Stalltüre steht offen, sagte sie. Ich begutachtete das ganze natürlich sofort. Auch Nikki und Granny betrachteten die offene Türe und genossen den Ausblick aus unserem Stall mal ohne Gitter davor.

Das ist unsere Chance, sagte ich. Die kommt nicht wieder. Ein Sprung aus unserem Stall, das schaffen wir und dann nichts wie weg. Nikki schüttelte den Kopf. Nein, sagte sie ich bleibe hier. Auch Granny hatte Angst. Mohrle überlegte noch.
Mohrle, sagte ich zu meiner Schwester. Wir haben jetzt die letzten Tage des Mondes in dem das Eis taut.
Die Menschen sagen dazu März, weil sie früher diesen Monat einem Gott namens Mars gehuldigt haben. Viele Tiere wurden in diesem Monat diesem Gott geopfert. Vor langer Zeit war dieser Mond der erste, mit ihm begann das neue Jahr. Morgen schon beginnt der Blütenmond, die Menschen nennen ihn April. Es wird wärmer und wärmer werden. Wir werden leckeres Futter finden und wir werden ein Versteck finden wo wir schlafen können.
Alles wird besser sein als hier auf den Tod zu warten, sagte ich. Mohrle kam an den Rand unserer Bucht zu mir. Wir blickten hinaus zu der geöffneten Türe in die Freiheit. Nur noch ein beherzter Sprung trennte uns vom Boden vor unserem Stall, der uns die Freiheit verhieß – sollten wir springen ?
Ich schaute zu Mohrle.....



Eure Lissy

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#8

RE: Lissy und die Möhrenbande

in Fotos- und Geschichten 13.05.2009 18:59
von Wiebke • Besucher | 358 Beiträge

Oh, die Geschichte ist so mitreißend, spannend aber auch traurig!
Ich werde wieder geduldig der Fortsetzung entgegen fiebern...!
Grüssli,
Wiebke

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#9

RE: Lissy und die Möhrenbande

in Fotos- und Geschichten 17.05.2009 16:28
von Blacky2005 • Besucher | 843 Beiträge

5. Teil

Flucht mit Mohrle

Mohrle schaute zu mir und ging dann ohne zu zögern zur Stalltüre. Sie schaute sich zu mir um und ich hoppelte neben sie. Dann sprang Mohrle ab und ich folgte ihr ohne zu zögern. Etwas unsanft aber ohne Blessuren landeten wir auf dem Boden zwischen unseren Ställen. Mohrle machte sofort einen großen weiteren Satz und verschwand im Zwischenraum zwischen unserem Stall und der Hütte. Ich folgte ihr auch dorthin. Hier konnte uns niemand mehr sehen und so hatten wir Zeit, zu überlegen, wie es weitergehen sollte.

Ich war dafür, dass wir uns schnell nach einem Versteck umschauen sollten und Mohrle war einverstanden. Vorsichtig spähte ich um die Ecke der Hütte, keiner da also hoppelte ich los. An der Hütte entlang und dann unter einen Stapel mit Holz. Hinter dem Holzstapel schauten die ersten zarten Spitzen von Löwenzahn hervor. Mohrle und ich hatten so etwas noch nie gegessen. Es roch aber gut. Vorsichtig kosteten wir. Es schmeckte himmlisch. So konnte es weitergehen. Wir fraßen alles was aus dem Boden schaute ab, dann umrundeten wir die Hütte und fanden einen Eingang. Vorsichtig hoppelten wir in die Hütte. Hier roch es nach Heu. Und richtig in der hinteren Ecke lag noch ein Rest. Unter dem Heu war ein Holzboden und der war sehr durchlöchert und morsch. Ideal für uns, wir konnten zwischen den Holzboden hineinkriechen und waren dann überhaupt nicht mehr zu sehen.
Wir setzten uns ganz gemütlich und entspannt an das Heu und fraßen uns erstmal satt.

Wie immer, wenn es schön und gemütlich werden könnte, droht Ungemach. Wir hörten Stimmen und flitzten in unser Versteck in den Holzboden. Unser Besitzer (nein, unser ehemaliger Besitzer) kam zu den Ställen. Wir hörten wie er laut schimpfte, als er die Bescherung sah. Dann hörten wir wie er die Riegel wieder in die Halter an den Türen schob. Wir hörten nur Wortfetzen dessen was er von sich gab. Aber wir konnten verstehen, dass er sich einen Trottel schalt, weil er dachte, er hätte die Riegel vergessen einzulegen. Dann hörten wir die Schritte näher kommen. Er suchte nach uns.
Durch die Löcher im Boden sahen wir seine Beine und seine Schuhe, er ging jetzt in der Hütte hin und her.
Mein kleines Kaninchenherz schlug mir bis zum Hals, als er mit einer Gabel den Heuhaufen etwas umschichtete um zu schauen, ob wir im Heu säßen. Das Brett über uns knarrte bedrohlich, als er direkt über uns stand. Mohrle und ich zitterten am ganzen Körper. Wir hörten, wie die Gabel über den Boden schrammte und schmiegten uns ganz fest an den Boden und machten uns so klein wie möglich. Unendlich langsam verrannen die Minuten, die er im Heu und in der Hütte nach uns suchte.

Der aufgewirbelte Heustaub drang durch die Ritzen zu uns in den Boden. Wenn jetzt einer von uns beiden nun niesen musste, dann waren wir verraten.

Aber im selbst stieg der Heustaub jetzt in die Nase. Er stellte die Gabel in die Ecke und verließ niesend die Hütte. Dann versorgte er die sieben Kaninchen die im noch verblieben waren und suchte dann im Garten nach uns. Jeden Busch und jede Ecke suchte er ab wir hörten noch wie er mit dem Nachbarn auf der anderen Seite sprach und jammerte, dass ihm zwei Kaninchen ausgebüchst waren. Dann war wieder Ruhe im Garten.

Mohrle und ich beschlossen, erstmal ein Nickerchen zu halten und erst bei Einbruch der Dämmerung weitere Erkundungen zu wagen. Wir kuschelten uns aneinander und dösten in unserem sicheren Versteck vor uns hin.

Als es draußen richtig dunkel geworden war, trauten wir uns aus unserem Versteck. Vorsichtig hoppelten wir aus unserem Unterschlupf heraus. Es war kühl und ein fahler Halbmond erleuchtete die Nacht. Mohrle sog die Nachtluft tief ein. „Riecht irgendwie aufregend“ sagte sie und blickte mich mit leuchtenden Augen an. Dann gingen wir vorsichtig auf Erkundung. Wir suchten immer wieder Deckung im Schatten von Gegenständen, Steinen, Büschen, so dass wir nicht auffielen. Wir waren jetzt an einen kleinen Holzzaun gelangt, der den Garten unterteilte. Dort wo seine Pfosten in die Erde ragten, wuchsen erste kleine Löwenzahnblättchen. Vorsichtig kosteten Mohrle und ich. Es schmeckte himmlisch. So gestärkt waren wir noch tatendurstiger. Jetzt war ich die erste die voraus hoppelte, immer am Zaun lang. Am Zaunende lugte ich vorsichtig um die Ecke. Ich nahm zwar einen fremden Geruch wahr konnte ihn aber nicht zuordnen. Wir waren jetzt auf einem kleinen Wiesenstück unter Apfel- und Birnenbäumen angelangt. Mohrle und ich nutzen diesen freien Platz um erstmal ein wenig herum zu toben. Wie der Wind sausten wir um die Obstbäume, suchten dazwischen immer wieder Schutz hinter einem am Rande stehenden Holunderbusch der mit vielen kräftigen Zweigen eine gute Deckung bot. Durch die viele ungewohnte Bewegung waren wir etwas außer Atem, mein Auge tränte wieder stärker und ich spürte es schmerzen. Ich setzte mich auf die Hinterbeine und rieb mir die Augen. Als ich sie wieder eröffnete erschrak ich fast zu Tode. Auf einem alten Baumstumpf neben dem Holunderbusch leuchteten zwei grellgrüne Augen herab und der Geruch, den ich vorher wahrgenommen hatte war jetzt viel stärker. Auch Granny erstarrte und blickte ängstlich zu diesen funkelnden Augen hinauf…..


Eure Lissy

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#10

RE: Lissy und die Möhrenbande

in Fotos- und Geschichten 21.05.2009 09:16
von Blacky2005 • Besucher | 843 Beiträge

6.Teil

Eine abenteuerliche Nacht in der Freiheit


Als wir aus unserer Schreckenstarre erwachten, wollten wir uns sofort mit riesigen Sätzen in Sicherheit bringen. Die Stimme die sich hinter diesen grellgrünen Augen versteckte und uns nun lachend ansprach, kannten wir jedoch. Es war Sabeth der Kater, der hier immer umherstreifte. Wir hatten ihn schon oft von unserem Stall aus gesehen. Na, ihr zwei Ausreißer sagte Sabeth mit jovialer Stimme, wie gefällt euch die Freiheit. Mohrle fand ihre Sprache schneller als ich. Gut antwortete sie, es ist herrlich nicht in diesem kleinen Stall sitzen zu müssen, wo man weder hoppeln noch umherflitzen kann. Ja nicht einmal richtig aufstehen und auf die Hinterbeine stehen kann man. Mohrle war jetzt aufgestanden um Sabeth zu zeigen was sie meinte.
Habt ihr denn schon Futter gefunden fragte Sabeth. Ein wenig sagte ich. Ausreichend war es noch nicht, aber sehr, sehr lecker. Naja, sagte Sabeth ich weiß so genau nicht, wo es für euch Futter gibt, aber ich erkläre euch mal, wie ihr euch hier zurecht finden könnt. Sabeth stellte sich auf die Hinterbeine, so dass er mit seinen Pfoten die Richtung anzeigen konnte. In dieser Richtung ist der Gemüsegarten. Da wächst jetzt aber kaum was. Hier endet der Garten und nach dem Zaun beginnt der Nachbargarten. Ich kann drüber springen, ihr aber sicher nicht. Schaut mal am zweiten Pfosten ist unten der Zaun nicht dicht am Boden, vielleicht passt ihr durch. In diese Richtung kommt dann eine Strasse, da müsst ihr aufpassen, sonst werdet ihr überfahren. Und falls ihr gar zuwenig Futter findet, da wo die Hühner picken ist eine Türe, hinter der Türe wird das Hühnerfutter gelagert, vielleicht findet ihr dort auch was.
Ich muss jetzt los, wir treffen uns heute auf dem Bauernhof von Bauer Lorenz, da gibt es die dicksten Mäuse. Sabeth blinzelte und leckte sich die Lippen. Mohrle und ich schauten erschrocken, fraß der Kerl tatsächlich diese hübschen, kleinen Mäuse, die manchmal mit ihren kleinen Kulleraugen in unsere Ställe hereingeschaut hatten? Als ob er unsere Gedanken erraten hatte erhob er sich langsam, die Mäuse bei Bauer Lorenz sind nicht zu vergleichen mit diesen abgemagerten Kreaturen die hier herumrennen sagte er stolz, erhob sich vollends geschmeidig und verschwand mit zwei eleganten Sätzen über den Zaun zum Nachbargrundstück.
Mohrle und ich versuchten jetzt unter dem Zaun auf das Nachbargrundstück zu kommen. Wir mussten etwas den Zaun wegdrücken, aber es ging. Wir hoppelten über den Rasen, fraßen hier und da ein wenig von den Gräsern, aber es schmeckte nicht wirklich. Die Nacht wurde jetzt noch kühler, immer wieder verschwand der Mond hinter Wolkenfetzen die der Wind über den dunklen Nachthimmel trieb. Mohrle mit ihrem schwarzen Fell war kaum zu sehen, aber ich als Scheckchen fiel natürlich auf.
Wir hörten Stimmen. Menschen! Wir versteckten uns und lauschten. Es waren zwei heitere junge Männer, die auf einem Fußweg neben dem Garten nach Hause gingen und sich gegenseitig ihre Erlebnisse erzählten. Als sie weg waren flitzen wir noch ein wenig durch den Nachbargarten fraßen noch ein wenig frische Gräser und Kräuter und legten uns dann zwischen die Büsche die als Begrenzung zwischen den Rasen und einer Gartenlaube gepflanzt waren. Müde und erschöpft hielten wir wieder ein Nickerchen.
Als wir erwachten, merkten wir, dass es angefangen hatte zu dämmern. Unser Fell war feucht geworden und wir spürten wie diese feuchte Kälte in uns kroch. Suchen wir hier etwas um uns den Tag über zu verstecken, oder gehen wir zurück in unser Versteck in der Klapperhütte fragte Mohrle. Ich möchte zurück, in die Nähe von Nikki und Scheckie und von Mama, sagte ich. Mohrle nickte stumm und ich merkte, dass auch sie „Heimweh“ nach den anderen hatte.
Wir hopplten also zurück, krochen wieder unter dem Zaun durch und machten noch einen Ausflug in den Gemüsegarten. Neugierig schnüffelten wir an den Beeten entlang. In einem etwas geöffneten Frühbeet entdeckten wir erste zarte Salatpflänzchen, wir sprangen vorsichtig über die Umrandung und ließen uns die ersten schmecken. Die waren richtig lecker.
Dass dies eine Falle war bemerkten wir erst, als über uns der geöffnete Deckel des Frühbeets heruntersauste und wir eingeschlossen waren. Wir hätten wissen müssen, dass Frühbeete am frühen Morgen noch nicht zur Kaninchenspeisung geöffnet haben und dass eine lange Schnur am Aufsteller des Frühbeets nur Sinn macht, wenn man ausgebüchste Kaninchen fangen möchte…
Dann hörten wir auch schon die keifende Stimme der Lebensgefährtin unseres Besitzers. Ich hab sie, ich hab sie rief sie triumphierend. Wir hörten wie unser Besitzer lachte und rief ich bringe den Korb.
Unsere kleinen Herzen klopften ängstlich als sich der Deckel hob und zwei Menschenhände unsanft in unser Fell griffen. Unser Heimweh zu Mama und den Schwestern war uns zum Verhängnis geworden.


Eure Lissy

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#11

RE: Lissy und die Möhrenbande

in Fotos- und Geschichten 22.05.2009 14:44
von Blacky2005 • Besucher | 843 Beiträge

7. Teil

Wie soll es weitergehen


Wir wurden in einen großen Weidenkorb gesetzt und hochgehoben. Ich erinnerte mich, in solche Körbe wurden Rudi, unsere Brüder und all die anderen auch gesetzt, wenn sie geschlachtet wurden. War schon wieder Weihnachten? Sollten Mohrle und ich auch geschlachtet werden?

Verzweifelt versuchte ich aus dem Korb zu springen. Aber ich wurde mit roher Gewalt auf den Boden des Korbs gedrückt. Dann wurde ein Leinensack über uns geworfen. An eine Flucht war nicht mehr zu denken. Wir wurden zu unserem alten Stall getragen. Soll ich sie extra setzen oder zu den anderen, fragte die keifende Stimme?
Sie kommen doch bestimmt als nächste dran!
Setze sie wieder zu den anderen sagte die Stimme unseres Besitzers es wird noch etwas dauern bis sie dran sind. Ich fühle mich heute wieder gar nicht gut. Der Leinensack wurde weggezogen und Mohrle und ich an den Ohren hochgehoben und wieder zu Nikki und Granny in den Stall gesetzt. Die Ohren und unser Genick taten uns fürchterlich weh, aber wir waren froh wenigstens wieder bei unseren Schwestern gelandet zu sein.
Müde und erschöpft kuschelten wir uns an die beiden.

Den ganzen Tag über geschah nichts. Wir bekamen kein Futter, die Hühner bekamen kein Futter. Die Hühner mussten in ihrem Stall bleiben. Von unserem Besitzer sahen und hörten wir nichts. Unsere Mägen knurrten, Wasser bekamen wir ohnehin nicht. Aber wenigstens wenn wir Frischfutter bekamen, konnten wir unseren Durst ein wenig stillen. Es war schon gegen Abend, als unser Besitzer kam. Er war nicht alleine. Er hielt sich ständig seinen Kopf und war wohl sehr müde jedenfalls blieb er immer wieder stehen und hob auch die Füße beim gehen kaum an.

Als er zu der Frau, die ihn begleitete etwas sagte, hörte es sich sehr undeutlich und komisch an.
Die Frau begann mit ihm zu schimpfen. Wann hast Du hier das letzte Mal ausgemistet fragte sie, und überhaupt , das sind doch keine Ställe, das ist eine Zumutung dann rief sie nach der Frau mit der keifenden Stimme und sagte zu ihr, sie solle endlich mal den Hühnern etwas geben. Sie kam an unsere Ställe und sprach mit einer sanften, leisen Stimme zu uns. Dann griff sie in ihre Tasche und holte so ein kleines Ding raus. Sie tippte irgendwie darauf herum und hielt es an ihr Ohr. Plötzlich begann sie in das Ding hinein zu sprechen. Sie sprach mit einem „Schatzi“ was immer das sein mochte, von unmöglichen Zuständen, von Einkäufen, von Möhren, Kohlrabi und was es sonst noch gäbe, von Wassernäpfen Heuraufen und Futternäpfen. Von Bauern, von Heu und von Stroh. Wir schauten uns an.

Naja, dachten wir anhören tut sich das ja gut, aber was sollte sich ändern, wenn man solche Dinge in so ein kleines Dings hinein sprach. Dann sagte sie zu unserem Besitzer, dass er jetzt ins Krankenhaus müsste und verschwand um die Ecke. Traurig blickten wir hinterher… Wieder nichts zu fressen.
Sehr lange dauerte es nicht, dann wurde es von der Seite wo die Autos fuhren unruhig. Wir hörten ein Auto welches in den Hof fuhr. Autotüren, Stimmen. Ein geschäftiges Treiben setzte ein. Dann kam ein Mann um die Ecke. Er war schwer mit Körben beladen. Das waren aber andere Körbe, nicht aus Weide sondern so blaue und rote aus irgendeinem anderen Material. Er stellte die Körbe an der Mauer zum Hühnerstall ab und schaute sich um.
Wer war er und vor allem was wollte er?
Fragen über Fragen, keine Antworten nur Ungewissheit.

Eure Lissy

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#12

RE: Lissy und die Möhrenbande

in Fotos- und Geschichten 23.05.2009 08:55
von Wiebke • Besucher | 358 Beiträge

Ist die Geschichte aufwühlend und spannend!
Werde wieder ungeduldig auf die Fortsetzung warten...!
Grüssli,
Wiebke

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#13

RE: Lissy und die Möhrenbande

in Fotos- und Geschichten 06.08.2009 01:49
von Marit • Besucher | 45 Beiträge

*waaaaart*

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#14

RE: Lissy und die Möhrenbande

in Fotos- und Geschichten 06.08.2009 12:34
von kaninchengabi • 4.576 Beiträge

Zitat von Marit
*waaaaart*




Marit spricht mir aus dem Herzen, Volker. Bitte, wann geht es weiter

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